Der Domneubau Bischof Imads in den Jahren 1058-1068

Nahezu die gesamte Stadt Paderborn wurde 1058 durch einen Brand zerstört, so auch der dritte Dombau, der von Bischof Meinwerk zwischen 1009 und 1015 errichtet wurde und 1058 abbrannte. Bischof Imad (um 1000-1076), ein Neffe Meinwerks (um 975-1036), baute auf den Ruinen des Meinwerk-Domes eine deutlich größere Bischofskirche. Nach zehnjähriger Bauzeit wurde am 22. Juli 1068 der Imad-Dom von Erzbischof Siegfried von Mainz geweiht. Damit entstand seit 799 der „vierte“ Paderborner Dom, der für die Gestalt des heutigen Domgrundrisses formgebend war, als doppelchörige Basilika mit breiten Seitenschiffen und zwei Querhäusern.

Anstelle des Langhauses des Meinwerk-Domes errichtete Imad einen Dom von ausgewogener, hochromanischer Komposition mit einer leicht nach Süden geschwenkten Achse: Der langgestreckte Ostchor für die zahlreichen Domgeistlichen wurde über einer Hallenkrypta mit Vorraum unter der Vierung errichtet.

Das Westquerhaus war schmaler als beim Vorgängerbau und der Westchor unter Verwendung von altem Mauerwerk mit Winkeltürmen von außen rechteckig gebaut, innen aber mit einer leicht eingezogenen halbrunden Apsis. In diesem Westchor vor dem Altar fand der Bauherr Bischof Imad 1076 sein privilegiertes Grab, wo neben den Angehörigen des Domklerus ebenso die Bevölkerung Fürbitten sprechen und Opfergaben niederlegen konnte. In dieser Zeit fand eine Umorientierung der bischöflichen Toten-Memoria (Totengedächtnis) statt: Die Gebetsfürsorge bezog – über den geschlossenen Kreis des Domkapitels hinaus – eine breitere Öffentlichkeit mit ein. Da der Westchor auf starken Fundamenten ruht, wird ein Chorturm vermutet, woran man sich beim Bau des heutigen Domturms im 13. Jahrhundert orientierte, um offenbar den Westchor als Memorie Imads zu erhalten.


 

 

Ein kleiner Rest des Imad-Domes ist an der Ecke der Paradieshalle sichtbar.
  

  Der heutige Dom aus dem 13. Jahrhundert (schwarz) wurde auf den Fundamenten des Imad-Domes (violett) errichtet.


 

 Das Portal für die Paderborner Öffentlichkeit wurde im Südquerarm des Westquerhauses eingebaut, also dort, wo von der Straße „Schildern“ her der Zugang von der Stadt in den Dombereich erfolgte (heute Paradiesportal). In dieser Zeit (um 1068) entstand aus älteren Vorformen des frühen Paderborn die Stadt der Kaufleute und Gewerbetreibenden.

Das Zentrum lag im Bereich des heutigen Rathauses und des Marienplatzes, was für Bischof Imad bei seinen Bauplanungen Bedeutung gehabt haben muss. Denn das innerste Kultzentrum, die Liboriuskrypta, befand sich unter dem Ostchor der Domkanoniker (Domgeistlichen). Aber an der Domsüdseite, an der das Volk hereinströmte, wurde im Westchor im Jahre 1231 ein Liborius-Chor unter dem Turm erwähnt, der offenbar für die Dompfarre bestimmt war. So wurde die Verehrung des hl. Liborius sowohl in der Ostkrypta als auch im Westchor des Domes möglich. Es scheint kein Zufall zu sein, dass gerade der Westchor im Jahre 1231 als Ort des Pfarrgottesdienstes Erwähnung fand. Dieses dürfte sicher auf Imads Bauplanungen zurückgehen und auch beim Neubau des heutigen Domes aus dem 13. Jahrhundert eine große Rolle gespielt haben. Denn beim Neubau zwischen 1220 und 1260 wurden der Ost- und Westchor, das doppelte Querhaus und die Mittelschiffspfeiler genau in der Flucht und auf den Fundamenten des Vorgängers errichtet. Oberirdisch erhalten ist vom Imad-Dom aber nur ein einziges Mauerstück, nämlich die gequaderte Südwestecke des ehemaligen Westquerhauses am Anschluss der Paradiesvorhalle. Damit lebt dieser von Bischof Imad vor 950 Jahren geweihte Dombau in der Baugestalt des heute vor uns stehenden Domes weiter fort.

Neben dem Dombau stiftete Bischof Imad für die Ausstattung einen goldenen Reliquienschrein für den heiligen Liborius. Das bedeutendste erhaltene Ausstattungsstück ist aber die nach ihm benannte Imad-Madonna, die 1058 schwere Brandschäden erlitt und heute noch tiefe Narben zeigt. Die Imad-Madonna ist eine der ältesten Darstellungen des Typs Thronende Madonna in der abendländischen Kunst und ein Hauptwerk der romanischen Kunstgeschichte und befindet sich heute als „Glanzstück“ im Erzbischöflichen Diözesanmuseum.

Ausgrabungen im Dombereich zwischen 1978 und 1983 haben neben den anderen Vorgängerbauten auch die Fundamente des Imad-Domes zu Tage gefördert. Die Ausgrabungen sind der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich.

Imad-Madonna